Augustendorf heute

Ein Dorf zwichen Tradition und Aufbruch (von Ehrenortsvorsteher Friedrich Metscher)

Augustendorf ist trotz seiner langen Geschichte keineswegs von gestern. Als der Diskussionsvorschlag des Landes Niedersachsen zur Gebietsreform 1971 vorlag, kämpften die Gemeindeväter Augustendorfs einen, wenn auch aussichtslosen Kampf um die Selbstständigkeit. Der Auszug aus dem Protokoll der Ratssitzung vom 21.12.1971 zeigte dies ganz deutlich: ,,..........die Eigenständigkeit ist auf keinen Fall aufzugeben“.

Der Gesetzentwurf des Innenministeriums sah vor, aus den bis dahin selbstständigen Gemeinden Augustendorf, Langenhausen, Klenkendorf und Fahrendorf eine Gemeinde Langenhausen zu bilden. Dieser Vorschlag stieß auf heftigsten Wiederstand im Augustendorfer Gemeinderat, sah man doch im Zusammenschluss der „armen“ Moordörfer“ keinerlei Vorteil. Der Rat von Augustendorf plädierte eindeutig für die Einheitsgemeinde. Dieser Ratsbeschluss konnte nur revidiert werden, wenn sich alle Gemeinden im Raum Gnarrenburg für die Bildung einer Samtgemeinde entscheiden würden. Dazu kam es jedoch aus den bekannten Gründen nicht.

Heute, nach 29 Jahren praktischer Erfahrungen, kann man den Ratsherren der damaligen Gemeinde Augustendorf bescheinigen, weitsichtig und überlegt gehandelt zu haben. Das auch eine Portion Schlitzohrigkeit mit im Spiel war, mag man daran erkennen, das dass Gemeindevermögen, Schule, Schulland und Bares einer neu gegründeten Vereinigung, dem Kulturverein Augustendorf e.V. am 14. Januar 1974 übertragen wurde. Der Vorstand setzte sich aus den ehem. Ratsherren unter dem Vorsitz von Ortsvorsteher Hermann Schröder zusammen.

Die Kultur: „Ohne die Vereine nicht denkbar“

Das kulturelle und gesellschaftliche Leben wird im Wesentlichen von den Aktivitäten der örtlichen Vereine und Organisationen geprägt, die sich in dieser Jubiläumschronik vorstellen.
Sie sind der Garant für eine hervorragende, intakte Dorfgemeinschaft. Dem Kultur- und Heimatverein kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu, widmet er sich doch dem breit gefächerten Gebiet der Kultur allgemein.
Mit dem Ankauf und der Renovierung des Hilk`schen „Rauchhauses“ leistete die Gemeinde Gnarrenburg einen erheblichen Beitrag zur Erhaltung wertvollen Kulturguts, gibt doch das 1842 erbaute Zweiständerathaus mit Flett und Butzen Einblick in die Lebensverhältnisse der Moorbauern um die Jahrhundertwende. Nach vierjähriger Sanierungsphase wurde das Rauchhaus am 31. August 1990 feierlich seiner Bestimmung als Museum dem Heimatverein Gnarrenburg als Trägerverein übergeben. Die Kosten für Ankauf und Sanierung betrugen 360.000.- DM. Im Rahmen des Dorferneuerungsprogramms wurden ebenfalls die Nebengebäude saniert, die Brücken erneuert und ein großzügiger Parkplatz angelegt. Leider wurde das in privater Hand befindliche Glasmuseum mit Teufelsmoorgalerie 2002 aufgegeben. Der Huvenhoopssee und ein Moorlehrpfad (Fertigstellung 2003) gelten jedoch weiter als besondere Attraktionen unseres Heimatdorfes.

Die Bautätigkeit: „Häuser - Straßen - Infrastruktur - Dorferneuerung“

Häuser: In den letzen Jahren sind im Ort einige schöne Wohngebäude errichtet worden. Während der Bau eines Altenteilerwohnhauses für landw. Betriebe schon immer möglich war und ist, wurden zusätzlich die „Baulücken“ an der Straße geschlossen. Dies soll künftig nicht mehr möglich sein. Für die Eigen- und Weiterentwicklung des Dorfes war es unumgänglich, den Flächennutzungsplan entsprechend zu ändern, so geschehen im Jahre 2001. Um den Charakter des Ortes nicht zu zerstören, wurde bei den Planungen sehr behutsam vorgegangen. Statt die Lückenbebauung weiter zu forcieren, wird eine Bebauung künftig nur noch konsequent in der 1. Reihe (Historische Reihe) auf oder in unmittelbarer Nähe der vorhandenen Hofstellen (gemischte Bauflächen) möglich sein. Dem Wunsch vieler Eltern, der sehr ortsverbundenen Jugend einen Verbleib im Ort zu ermöglichen, wird hiermit ausreichend Rechnung getragen. Die gefundene Regelung stellt außerdem eine weitgehend gerechte Lösung bei der Vergabe von Bauland dar.
Zu einem Bauboom wird es hier bei uns in nächster Zeit allerdings wohl nicht kommen. Das ist auch richtig so, denn seinen Charme bezieht unser Ort auch dadurch, das Augustendorf ein „Dorf“ geblieben ist.

Straßen: Die einzige Straße im Dorf ist die Kreisstraße 103, welche in Höhe der Hausnummer 28 in die von Sandbostel kommende K 148 mündet. Lange Zeit war unsere Dorfstraße eine der schlechtesten im Landkreis Rotenburg. Der Volksmund unkte bereits: ,,.....junge, schwangere Frauen, die ihr Kind nicht bekommen wollten, fuhren dreimal die Straße rauf und runter.....“ Der Landkreis beendete schließlich diesen unhaltbaren Zustand, von 1972 an wurde die alte Klinkerstrasse in mehreren Etappen mit einer Bitumenschicht versehen. 1986 bekamen die Augustendorfer sogar einen Fuß- und Fahrradweg, und zwar kostenlos. Die Gemeinde Gnarrenburg übernahm 15% der Kosten (112.000.- DM). Zusammen mit der 1989 für 52.000.- DM erstellten Straßenbeleuchtung stellt die Ortsdurchfahrt nun ein Optimum an Verkehrssicherheit dar. Manchmal wären allerdings gegen die „Raser“ Radarkontrollen angebracht. Übrigens, weil die Augustendorfer ihre Straße 1921 fast in Eigenleistung bauten, übernahm der Landkreis die Straße als Kreisstraße und damit auch die Unterhaltung. Ein Umstand, den auch viele Einwohner nicht genug würdigen, denn heutzutage ist die Umwandlung einer Gemeindestraße zu einer Kreisstraße ein hoffnungsloses Unterfangen.

Infrastruktur: Im Jahre 1995 wurde Augustendorf an die zentrale Abwasserreinigungsanlage Gnarrenburg mittels Druckrohrentwässerung angeschlossen. Damit war es endgültig vorbei mit der Ungleichbehandlung durch Klärschlammabfuhr und Gülleeinleiter, die für sehr viel Unfrieden unter den Einwohnern gesorgt hatte. Die Chancen für eine Baugenehmigung stiegen wieder.
Während unsere Vorfahren noch mit schwarzem Brenntorf heizten und Erdöl seit ca. 1960 als Energieträger eingesetzt wurde, können die Augustendorfer Haushalte ab Herbst 2000 auch auf die umweltfreundliche Energie „Erdgas“ zurückgreifen. Mit einem Kostenaufwand von 1,5 Millionen DM schloss die EWE Augustendorf an die Erdgasversorgung an. Miteingeschlossen in diese Maßnahme wurde die Neuverkabelung des Strom- und Kommunikationsnetzes, sowie der Bau von zwei neuen Trafo-Stationen.

Die Dorferneuerung: Im Jahre 1996 wurde Augustendorf in das Dorferneuerungsprogramm des Landes Niedersachsen aufgenommen, ein Glücksfall. Ausschlaggebend für die Auswahl war die in Augustendorf noch weitgehend erhaltene Siedlungsstruktur sowie die begonnene Sanierung des Historischen Moorhofes. Ein Arbeitskreis, bestehend aus Bewohnern der Ortschaft, dem Bauamt der Gemeinde Gnarrenburg und Mitgliedern des Planungsbüros „GfL Planungs-und Ingenieursgesellschaft GmbH“ aus Bremen haben von April 1996 bis Mai 1997 einen Dorferneuerungsplan aufgestellt, der im öffentlichen als auch im privaten Bereich eine Reihe von Maßnahmen vorsah. Das Investitionsvolumen belief sich nach Abschluss der DE im öffentlichen Sektor auf 588.000 Euro ( 328.000 € Zuschuss), die privaten Investitionen erreichten 473.000 Euro (142.000 € Zuschuss). Im Förderzeitraum von 1997 bis 2002 wurden 11 öffentliche und 25 private Maßnahmen gefördert. Zu den öffentlichen Objekten gehören der „Historische Moorhof“ mit Nebengebäuden, Parkplatz und Brücken, die Umgestaltung der Ortsmitte mit Feuerwehrgerätehaus, Dorfschule und Ehrenmal, Erneuerung der Buswartehäuschen, Umgestaltung des „Huvenhoopstadions“ und der südlichen Ortseinfahrt und die Ortseingangstafeln.
Ein besonderer Dank gebührt an dieser Stelle der Gemeinde Gnarrenburg für die Bereitstellung der finanziellen Mittel sowie den Einwohnern für die erbrachten Eigenleistungen. Die Dorferneuerung Augustendorf ist eine Erfolgsstory, ein Gewinn für die den Ort, der noch schöner geworden ist. Augustendorf ist gut ausgestattet.

Die Naturkatastrophen: „Feuer - Wasser - Sturm“

Feuer: Über die großen Huvenhoopsbrände 1928 und 1938 wurde im Teil „Augustendorf Vorgestern“ dieser Chronik berichtet. Auch danach entstanden noch etliche Flächenbrände im Huvenhoopsmoor. Sie erreichten jedoch nie wieder die verheerenden Ausmaße wie früher.

Wasser: Obwohl genau auf der Wasserscheide zwischen Oste und Hamme gelegen, kommt es in Augustendorf bei größeren Niederschlägen immer wieder zu Überschwemmungen, besonders „nedden in’n Dörp“. Unvergessen ist die Hochwasserkatastrophe im Schneewinter 1979. Erst kam der Schnee, dann das Wasser. Im Dorf war die Hölle los. Ende Februar tauten die gewaltigen Schneemassen mit dem einsetzenden Regen auf. Eisschollen behinderten den Abfluss, drei Großbagger zertrümmerten zwischen Augustendorf und Langenhausen das 30 cm dicke Eis. Die Kreisstraße war einen halben Meter überflutet, Wohnungen und Keller liefen voll Wasser, zu vielen Anwesen führte kein Weg mehr. Die Feuerwehren und die gesamte Dorfbevölkerung leistete bis an den Rand der Erschöpfung unermüdlich Hilfe. Sie konnten das Schlimmste nicht verhindern, der Schaden war riesig. Die Tragik dieser Tage erfuhr durch den Tod einer jungen Augustendorfer Frau, die bei der Geburt ihres zweiten Kindes starb, einen traurigen Höhepunkt.

Im Jahre 1984 wurden die alten Holzbrücken abgerissen und durch Armco-Thyssen-, bzw. Betonrohre ersetzt. Die Gesamtkosten der Maßnahme beliefen sich auf 200.000.- DM. Der im oberen Teil des Dorfes geringer werdende Rohrquerschnitt hält viel Wasser zurück. Eine richtige Maßnahme, die allerdings die Hochwassergefahr in Augustendorf nicht endgültig bannen konnte, wie sich am 11. September 2001 (dem Tag, als Terroristen der „Al Kaida“ mit Flugzeugen die Twin Towers in New York zum Einsturz brachten) zeigen sollte.

Ausgelöst durch tagelangen Dauerregen (151 Liter / m²) verließ der Augustendorfer Kanal erneut sein Bett und wurde zu einem reißenden Strom. Die Wassermassen überfluteten die Straße, der Strom fiel aus. Im Einsatz waren die Gnarrenburger Feuerwehren, die Wehren aus Spreckens, Sandbostel, Bremervörde, Oese, sowie der SEG und das THW. Über 200 Einsatzkräfte versuchten verzweifelt, mit 5000 Sandsäcken die Wohnungen zu schützen. Trotz unermüdlichen Einsatzes drang die braune Brühe in 12 Häuser ein und verursachte Schäden in sechsstelliger Höhe. Die Landwirtschaft verzeichnete Ernteausfälle in Millionenhöhe. Mit dem Hochwasser haben die Augustendorfer zwar schon immer gelebt, auffällig ist jedoch die Häufigkeit der Überschwemmungen in kurzen Zeitabständen. Als mögliche Ursachen kommen in Betracht: Das zu geringe Gefälle des Augustendorfer Kanals, die zu geringe Aufnahmefähigkeit des Oste-Hamme Kanals, die Entwässerung der landw. Flächen, die Versiegelung und Verdichtung der Böden, sowie ein zu geringer Querschnitt der Verrohrung im unteren Bereich des Dorfes. Auch die Auswirkungen der tatsächlich vorhandenen, globalen Klimaveränderung sind nicht zu unterschätzen.

Zu den größten Wünschen der Augustendorfer für die Zukunft gehört deshalb auch, dass die Hochwassergefahr gebannt wird. Ein Ortsgremium hat sich der Problematik angenommen und über die Gemeinde Gnarrenburg entsprechende Vorschläge zur Verbesserung eingebracht. Zurzeit laufen die Planungen des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft und Küstenschutz über eine Neuüberplanung der Wasserführung im Einzugsgebiet Augustendorf. Bis die Politik endlich reagiert hat, wir es allerdings wohl noch öfter „Land unter“ heißen.

Sturm: Es geschah am 3. Juli 1999. Den ganzen Sonntag über hatte die Sonne geschienen, doch am Abend verdunkelte sich der Himmel. Wie im Zeitraffer entstanden Pulks dunkler Wolken, ein dunkles Grollen war zu hören. Dann setzte Regen und Sturm ein. Innerhalb von zehn Minuten schlug eine Windhose eine 500 m breite Spur der Verwüstung durch den oberen Teil des Dorfes. Gebäude wurden beschädigt oder ganz zerstört, über 100 Jahre alte Eichen hielten dem Druck nicht stand, kippten um oder standen ohne Krone da. Abgedreht wie Streichhölzer durch die unvorstellbare Kraft der Naturgewalt. Das verstörte Vieh geriet in Panik, etliche Rinder mussten aus den Gräben gezogen werden. Die Feuerwehr war wieder im Großeinsatz. Was für die Bewohner der angrenzenden Ortschaften ein faszinierendes Naturschauspiel war, wurde für die Augustendorfer zu einem Albtraum. Auch ältere Einwohner konnten sich an eine solche Katastrophe nicht erinnern.

Der Fremdenverkehr: „Chance für die Zukunft?“

In den letzten Jahren hat sich Augustendorf zur „Fremdenverkehrsmeile“ der Gemeinde Gnarrenburg entwickelt. Der „Historische Moorhof“ und das Naturschutzgebiet „Huvenhoopsmoor“ ziehen durch die Aktivitäten des Heimatvereins, des Verkehrsvereins und einiger Gastwirte etwa 10.000 Besucher pro Jahr nach Augustendorf und in die anderen Ortschaften der Gemeinde. Ein „Moorerlebnispfad“ soll in naher Zukunft das touristische Angebot abrunden. Neben Pauschalangeboten des Verkehrsvereins und der Gastwirte führt der Heimatverein Torfstecher- und Backtage, sowie Handwerkertage mit großer Resonanz auf dem Moorhof durch. Der Bedeutung des „sanften“ Tourismus und dem Dorf als Naherholungsgebiet kommt in Zukunft wahrscheinlich immer größere Bedeutung zu und ist auch als eine Chance des Zuerwerbs in unserer ansonsten strukturschwachen Region zu verstehen. Noch allerdings stehen die Augustendorfer eher zurückhaltend der „Weißen Industrie“ gegenüber.

Die Zukunft: „Aussichten“

In dieser Chronik haben wir uns der Vergangenheit unseres Dorfes gewidmet Am 175-jährigen Geburtstag von Augustendorf sollten wir jedoch auch einen Blick in die Zukunft werfen. Eine Zukunft, welche die Augustendorfer schon längst nicht mehr in ihren eigenen Händen halten. Zu groß sind die weltpolitischen Verwerfungen und auch die politische Großwetterlage in Deutschland gibt keinen Anlass zu großem Optimismus. Mit Sorge betrachten wir den scheinbar nicht enden wollenden Strukturwandel in der Landwirtschaft, nur noch 6 Betriebe bewirtschaften ihre Höfe im Haupterwerb. Arbeitslose gibt es dennoch zum Glück kaum. Die meisten Arbeitnehmer verdienen mittlerweile ihr „Brot“ bei Firmen in der näheren Umgebung.
Das Gemeinsamkeitsgefühl, die Aktivitäten der Vereine und die humorvolle, ehrliche und offene Art der hier wohnenden Menschen wird dafür sorgen, dass Augustendorf kein reines „Schlafdorf“ wird.
Doch wie immer auch die Zukunft Augustendorfs auch aussehen mag, das Moor hat die Menschen hier geprägt. Wir nehmen die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft an. Mit der von unseren Vorfahren ererbten Schaffenskraft und Energie werden wir auch künftig die Probleme und Schwierigkeiten der Zukunft meistern können. Unsere Ahnen haben es vorgemacht.

 

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