Allgemeines zur Hochmoorkolonisation

von Rainer Brandt

Man hat als sogenannter Insider eigentlich das Gefühl, daß der Bericht der Moorkolonisation schon umfassend abgehandelt worden ist. Sei es in zahlreichen wissenschaftlich - historischen Aufarbeitungen oder interessanten Romanen mit belletristisch - geschichtlichem Hintergrund. Ein Verantwortlicher für die Erstellung einer Ortschronik aus dem Bereich der früheren Moorkolonisation im Elbe-Weser-Dreieck muß sich sogar verantwortungsbewußt fragen, ob er mit diesem Thema nicht besonders die jüngere Generation "überfrachtet". Und dann stellt man zu seiner Überraschung fest, daß diese Befürchtung nicht nötig ist, da die jüngeren Mitbürger sehr bewußt und bejahend mit der Vergangenheit der Region, des Dorfes, der Familie umgehen. Back to the roots, wie es auf neudeutsch oder englisch heißt, bringt Selbstbewußtsein für die Gegenwart „und Stolz sowie Respekt für die Vergangenheit“ mit sich. Also beginnt der Verfasser der Augustendorfer Chronik nach einigen grundsetzlichen Überlegungen beim atemberaubenden Urzustand unserer Heimat in der Stunde Null.

Und so stellte sich das Gebiet zwischen Bremen und Bremervörde (im Oste-Mehemoor bis zur Börde Lamstedt) zu Beginn des 19. Jahrhundert nahezu als eine geschlossene Moor- und Seenfläche dar.

„Das ganze Gebiet glich zu Anfang des 18. Jahrhunderts noch einem großen Moraste, der teils eine grüne Pflanzendecke trug, teils aber See war. In den Sommermonaten entlockten die Sonnenstrahlen dem feuchten Boden einen farbigen Pflanzenteppich, weiterhin leuchtete das Weiß des Wollgrases unterbrochen von den grünen Blätterschmuck der über die weite Fläche verstreuten Birkenwälder und dem satten Braun der Moorheide. Die vielen Seen mit ihrem moddrigen Wasser schauten wie dunkle Augen, eingebetet in buschige Brauen aus dieser Wildnis heraus. Wilde Enten und Schnepfen strichen darüber hinweg und der beutegierige Fischreiher stellte sich von seinen Horsten auf den nahen Geesthügel ein. Das Moor bildete eine wilde, schaurig schöne Einöde, es lag da in ungebrochener Naturkraft, allen Getier des Sumpfes, des Wassers und der Luft ein herrliches Paradies bildend. Nur dem Mensch verwehrt es den Eintritt und weigert sich, ihm untertan zu werden......."

Mit dieser blumenreichen Sprache seiner Zeit beschreibt der Stader Lehrer Heinrich Holsten in der Heimat-Kunde des Regierungsbezirkes Stade (Stade 1932) dieses Gebiet unserer Region recht eindrucksvoll.
Die Regierung, der König von Großbritanien begann um 1720 im Kurfürstentum Hannover mit den ersten Überlegungen einer großflächigen, geordneten Moorkolonisation.

Aber weniger aus Wohltätigkeit als aus Gründen der Erschließung, Bevölkerungsvermehrung und Erzielung weiterer Staatseinnahmen. Nartürlich wollte man Untertanen eine (neue) Heimat geben, aber mit Sicherheit nicht aus sozialem Gewissen. Soldaten wurden gebraucht, denn diese bedeuteten militärische Stärke in unruhigen Zeiten. Andererseits gab es auf der Geest einen Bevölkerungsüberschuß. Angehörige der unterbauerlichen Schicht erhielten oftmals allerdings noch nicht einmal eine Heiratserlaubnis vom Grundherrn oder dem Amt.

Die hannoversche Regierung begann also um 1720 mit den Entwürfen von Plänen, zur Erschließung und Kolonisation des Teufelsmoores inklusiv der Ausläufer. Sie entsandten Studienkommissionen nach Friesland, Oldenburg und Holland, um dort die Moorkulturmethoden zu studieren. So lernte man aus eigener Anschauung u.a. Begrüppung, Gräben, Kanäle Torfsticharten und Bodenkulturen kennen. Außerdem mußten die Ämter Osterholz, Lilienthal, Ottersberg und Bremervörde statistische Vorarbeiten für das angestrebte Kulturwerk anfertigen. Darüber hinaus mußte oft mühsam eine rechtliche Regelung mit den Geestranddörfern, die bis dahin das Moor als herrenloses Eigentum betrachteten, eine Abgrenzung erzielt werden. Durch Aushang in den Amtshäusern und durch Abkanzeln von den angrenzenden Geestkirchen wurden die Meldestellen und Termine für Mooranbaustellen öfftentlich bekanntgegeben und damit das grandiose Werk der Besiedlung des Teufelsmoores eingeleitet. Die staatlich geführten Moortabellen weisen aus, daß im Jahre 1830, also noch rd. 90 Jahren, in den Mooren der Landdrostei Stade insgesamt 90 (!) neue Dörfer entstanden wohnten. In diesen Dörfern wohnten damals bereits 11.360 Menschen an 1.763 „Feuerstellen“. Darunter auch die Bewohner der neuen Kolonale im Ober-Gnarrenburger-Moor und die ersten mutigen Siedler Augustendorfs.

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